Besser, schneller, mehr. Die Karriereleiter besteigen. Das nächste Level erreichen. Mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Ruhm. Netzwerken, Facebook-Likes sammeln, Preise gewinnen, Selbstbestimmung im Beruf finden. Wir haben große Träume, haben viel vor und kaum ist ein Ziel in Sichtweite, jagen wir schon dem nächsten hinterher.

„Einmal Leben mit Happy End, bitte.“ So beginnt ein Artikel in der Zeit, der das kollektive Streben nach Selbstverwirklichung kritisch hinterfragt. Der Autor räumt mit dem Mythos auf, dass wir im Leben alles erreichen können, was wir uns vornehmen. Wir müssen es nur wollen. Sei authentisch, mach dein Ding, glaub an dich selbst, gib bloß nicht auf. Weise Sprüche wie „wer nicht scheitert, hat es nicht versucht“ und „wer will findet Wege, wer nicht will findet Gründe“ pflastern unseren Weg durch Social Media Kanäle und erinnern uns tagtäglich daran, was wir alles erreichen könnten. Und dass es nur an uns liegt, wenn wir unsere Ziele verfehlen. Mehr denn je sucht der Mensch nach Sinnhaftigkeit und Erfüllung im Leben. Sein Ding zu machen, stellt dabei nicht nur beruflichen Erfolg in Aussicht, sondern verspricht auch eine Art persönliches Happy-End. 

Willkommen im Hamsterrad

Wieso haben wir ständig das Gefühl, uns selbst verwirklichen zu müssen? Autor Mark Manson hat dafür eine einfache Antwort: Weil wir ständig auf der Suche nach Glück sind. Mehr Glück, um präzise zu sein. Laut einer großflächig angelegten Studie aus den 90er Jahren sind Menschen niemals zu 100% glücklich. Auf einer Skala von 1 bis 10 fühlen sich die meisten von uns wie eine 7. Nicht schlecht also, aber es ginge noch besser. Ab und zu treten Schwankungen nach unten oder oben ein, wir kehren jedoch relativ schnell zu einem stabilen Mittelwert zurück. Dieses Phänomen nennt man in der Psychologie die Hedonistische Tretmühle: Wir haben immer die 10 als ultimatives Ziel vor Augen und jagen ihr unbeirrt hinterher. Und wenn wir mal kurz darüber vergessen, dann hält uns Social Media vor Augen, wie die 10 von unseren Mitmenschen gelebt wird. Das Streben nach Glück ist daher vergleichbar mit einem Hamster im Laufrad: Man arbeitet die ganze Zeit daran, sein Ziel zu erreichen, bleibt aber immer irgendwie an derselben Stelle.

Das ewige Streben nach mehr

Glück allein ist aber nicht der einzige Grund für unser Verhalten. Der Motor, der das Streben nach Selbstverwirklichung antreibt, beruht auch auf Selbstzweifel und Unzufriedenheit. Wir wollen mehr. Mehr vom Leben, mehr Geld, mehr Ruhm, mehr Zeit, mehr Abwechslung. Hauptsache mehr. Was genau das „mehr“ ist, wissen wir manchmal nicht so genau. Manche Menschen wechseln den Job. Andere die Wohnung. Wieder andere den Partner. Wir sind so mit der Zukunft beschäftigt, mit unseren Plänen und Zielen, dass wir ganz vergessen, in der Gegenwart zu leben. Wir wollen so viel, dass wir am Ende nichts richtig haben, dafür haben wir alles versucht. Autor Mark Manson nennt das die chronisch verunsicherte Gesellschaft. Jeden Tag werden wir auf Social Media mit Nachrichten aus den erfolgreichen Leben anderer Menschen überflutet. Wir sehen das Beste vom Besten. Die tragischsten Ereignisse. Die schönsten Abenteuer. Die traurigsten Neuigkeiten. Die meisten Nachrichten siedeln sich entweder bei 10 oder bei 0 an. Dass sich das echte Leben aber hauptsächlich rund um einen stabilen Mittelwert abspielt, wird dabei völlig außer Acht gelassen.

Der Traum vom Traumberuf

Selbstverwirklichung steht bei vielen ganz oben auf der Liste der Karrierezielen. Aus beruflicher Perspektive betrachtet, wäre die Selbstverwirklichung die 10 auf der Glücklichkeitsskala. Aber das war nicht immer so. Das Wort Selbstverwirklichung hatte lange einen negativen Beigeschmack. Blöd gesagt, sah man darin eine Person, die sich nur um sich selbst kümmert und sich auf Kosten anderer ein schönes Leben macht, während der Rest von uns brav unserer Pflicht nachgeht. Das ist der Blogger, der in Bali am Strand sitzt und von dort aus seine Berichte verfasst. Oder der Nachbar von nebenan, der seinen Job kündigt und einmal um die Welt reist. Je nachdem in welcher Lebenslage man sich befindet, kann es aber auch andersrum sein: Der ständige Suchende, der keinen festen Partner hat, immer auf Reisen ist und schon zwei Mal den Beruf gewechselt hat, schaut neidisch auf das familiäre Glück und das stabile Arbeitsverhältnis des Kollegen. Oder anders gesagt: Traumberufe sind nur so lange verlockend, wie man von ihnen träumt.

Wir sind alle Glücksritter

In der Vergangenheit wurden viele fremdbestimmt, damit ein paar wenige selbstbestimmt leben können. Erst der Wohlstand in der postmodernen Gesellschaft, hat die Waage wieder ins Lot gebracht. Wir sind alle mit einem gewissen materiellen Luxus aufgewachsen, dadurch stehen uns alle Türen offen. Wir müssen, können und sollen viel mehr Entscheidungen treffen, als die Generationen vor uns. In einer Welt, die auf Konsum und wissensbasierten Dienstleistungen aufgebaut ist, eine Welt in der wir eigentlich schon alles haben, was können wir da noch höheres anstreben? Darauf hatte Abraham Maslow in den 50er Jahren bereits eine Antwort, die heute mehr den je gültig ist: Der Mensch strebt nach Selbstverwirklichung. Und macht uns somit alle zu Glücks-Rittern.

Dagegen sein ist immer gut

Und was kommt nach dem ganzen Selbstverwirklichungswahn? Die Autorin Rebecca Niazi-Shahabi meint angewidert: Scheiß auf die anderen. Wir sind erst dann wirklich frei, wenn wir uns den ganzen aufgezwungenen Erwartungen, die die Gesellschaft an uns hat, entziehen. Im Zeitalter des Selfies wird Selbstverwirklichung gerne mit Selbstinszenierung verwechselt. Wir leben in einer Welt, in der wir unsere Kenntnisse und Qualitäten regelrecht vermarkten müssen, um uns am Arbeitsmarkt positionieren zu können – mit Selbstbestimmung hat das am Ende des Tages nicht mehr viel zu tun. Schnell werden wir zur Marionette der eigenen Selbstverwirklichung. Und damit wären wir wohl wieder beim Hamsterrad.



Nina Fischer, September 2017

 

https://www.brandeins.de/archiv/2015/selbstbestimmung/wolf-lotter-einleitung-selbstbestimmung-die-selbstbestimmer/


http://www.zeit.de/kultur/2015-12/selbstverwirklichung-optimierung-essay


https://markmanson.net/disease-of-more


http://www.businessinsider.de/scheiss-auf-die-anderen-hab-mehr-von-deinem-leben-2017-7