Ehe man sich’s versieht, ist der Tag vorbei. Man hat lauter nützliche Dinge erledigt, die wichtige Aufgabe, die ganz oben auf der Agenda stand, aber total vergessen. Oder erfolgreich verdrängt. Das schlechte Gewissen nagt an einem. Aber nur kurz, denn morgen ist auch noch ein Tag.

So oder so ähnlich haben sich sicher schon viele Kreative gefühlt. Wir haben eine wichtige Arbeit vor uns und versuchen mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln, die Erledigung dieser Aufgabe zu vermeiden. Dieser Zustand trägt den Namen Prokrastination und bedeutet nichts anderes als „vertagen“ oder „aufschieben“. Wortwörtlich übersetzt: „für morgen“. Oder ganz banal: Aufschieberitis.

Was du heute kannst besorgen ...

… das verschiebe doch auf morgen. Wieso heute, wenn wir es doch genauso gut morgen erledigen können? Weil andere davon abhängig sind. Weil es eine Kettenreaktion auslöst. Weil es Konsequenzen hat. Weil mein Berg Arbeit dann weniger wird. Weil es dann einfach erledigt ist und ich nicht mehr darüber nachdenken muss. Wurscht – heute mach ich es trotzdem nicht. Das klingt nach einer nicht ganz ungesunden Lebenseinstellung. Einfach mal nur an heute denken. Der Prokrastinierer besitzt die Fähigkeit, sich auf sein Gegenwarts-Ich zu konzentrieren und schenkt dem Zukunfts-Ich keine oder nur wenig Beachtung. Die schwierigen oder wichtigen Aufgaben liegen zu lassen, führt zwar dazu, dass es uns in naher Zukunft schlechter geht (Druck, Stress, schlaflose Nächte), aber das Gegenwarts-Ich hat kein Problem damit, sich davon zu distanzieren. Sofortiges Vergnügen ist wichtiger, als die Konsequenzen, die unser Zukunfts-Ich ausbaden muss.

Das Problem ist, dass dieses Verhalten auch schnell zu Unzufriedenheit führen kann. Prokrastination bedeutet nicht, dass man faul ist und nichts tut. Man putzt die Kaffeemaschine, recherchiert über die neuesten digitalen Trends, eignet sich nützliches Wissen auf Wikipedia an oder bringt den Garten auf Vordermann. Prokrastination bedeutet, dass man unwichtige Tätigkeiten verrichtet, um wirklich wichtige Tätigkeiten zu vermeiden bzw. aufzuschieben. Da diese „Alternativtätigkeiten“ jedoch als nebensächlich oder unnötig eingestuft werden, verstärken sie das Gefühl des Betroffenen, ständig viel zu viel Arbeit zu haben und diese kaum bewältigen zu können. 

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Oder doch?

Tim Urban, Meister im Prokrastinieren, erklärt, warum das Aufschieben von komplexen Tätigkeiten so verlockend ist. Ein Prokrastinierer hat wenig Selbstkontrolle, ähnlich jemandem, der dazu neigt, sich zu überessen oder zu viel Geld auszugeben. Er meidet unangenehme oder komplexe Aufgaben und verbringt seine Zeit lieber mit unverdienter Belohnung in Form von kleinen Freuden und Alternativtätigkeiten. Schuld an diesen Ablenkungsmanövern ist der so genannte „Sofortige-Belohnungs-Affe“, der nur sieht, was direkt vor ihm liegt und unserem Gehirn verlockende Alternativtätigkeiten vorschlägt, während der rational denkende Mensch versucht, mit aller Kraft dagegen zu halten. Zumeist vergeblich. Der hochmotivierte Belohnungs-Affe setzt sich durch und behält solange das Steuer in der Hand, bis die Deadline wie eine dunkle Wolke über unserem Kopf schwebt. Und plötzlich zieht sich der Belohnungs-Affe zurück und der rational denkende Mensch kann das Steuer übernehmen. Tim Urban nennt diese Gewitterwolken das Panikmonster – das einzige, was den Belohnungs-Affen zum Schweigen bringen kann und dafür sorgt, dass der Prokrastinierer die Deadline doch noch irgendwie schafft.

Von den Erfahrungen, die Tim Urban mit Prokrastinierern gemacht hat, lassen sich zwei unterschiedliche Typen ableiten. Der erste bezieht sich auf fix vorgegebene Deadlines. Der zweite tritt unabhängig von zeitlichem Druck auf. Das kann jemand sein, der zum Beispiel eine Businessidee hat und es nie schafft, diese umzusetzen. Es kann aber genauso Situationen betreffen, die nichts mit Karriere zu tun haben: Gute Vorsätze, die nie in die Tat umgesetzt werden, wie zum Beispiel mehr Sport zu treiben, mit dem Rauchen aufzuhören oder weniger zu Arbeiten und mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.

Der Typ 1 kann als Prokrastinierer noch relativ gut leben und auch funktionieren. Man weiß ja, dass das Panikmonster früher oder später auftauchen und dafür sorgen wird, dass wichtige Aufgaben doch noch zeitgerecht erledigt werden. Der Typ 2 hat es jedoch aufgrund eines fehlenden Druckmittels (Panikmonster/Deadline) wesentlich schwieriger. Wenn es keine Frist gibt, kann das Panikmonster nicht in Aktion treten, so bleiben viele Dinge ungetan. Dies führt mitunter zu großer Unzufriedenheit und Reuegefühlen, die die Betroffenen ständig vor Augen haben. Tim Urban erläutert weiters, dass die Frustration nicht daher kommt, dass diese Menschen ihre Ziele nicht erreichen, sondern dass sie erst gar nicht in der Lage sind, mit der Verfolgung ihrer Ziele zu beginnen. Sie sehen sich als Zuschauer in ihrem eigenen Leben, nicht als handelnde Personen.

Sind Prokrastinierer wirklich kreativer?

Der Psychologe Adam Grant berichtet in der New York Times über eine kleine Studie der University of Wisconsin. Ziel war es, herauszufinden, ob Prokrastination tatsächlich positive Auswirkungen auf kreative Leistungen hat. Dazu wurde ein Experiment durchgeführt, bei dem die Testpersonen innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens eine Businessidee entwickeln sollten. Einige mussten sofort beginnen, anderen wurde die Option gegeben, vorher noch fünf Minuten Solitär zu spielen und wieder andere durften erst eine Minute vor Schluss starten. Letztere Gruppe hat erwartungsgemäß am schlechtesten abgeschnitten, da die Probanden viel zu wenig Zeit hatten und daher die erste Idee präsentierten, die ihnen durch den Kopf ging. Erstaunlich war, dass die Prokrastinierer – sogar jene, die sich länger als die vorgegebenen fünf Minuten ablenken ließen – um 28% kreativere Ideen entwickelt hatten, als die Testpersonen, die sofort mit der Umsetzung beginnen mussten. Daraus schließt Grant, dass Menschen, die sich mehr Zeit lassen, breiter denken und unvoreingenommener an Aufgaben heran gehen, innovativere Lösungen finden. Auch kreative Persönlichkeiten wie Steve Jobs und Da Vinci sind bekannte Prokrastinierer. Nicht umsonst hat Da Vinci 16 Jahre gebraucht, um die Mona Lisa zu malen. 

Pre-Krastinierer

Wer nun denkt, er hätte kein Problem mit Belohnungs-Affen und Panikmonstern, der soll sich nicht zu früh freuen. Das Gegenstück zum Prokrastinierer ist nämlich der Pre-Krastinierer – und das kann genauso ungemütlich sein wie die Aufschieberitis. Pre-Krastinierer sind Menschen, die alles sofort anpacken und zum frühest möglichen Termin erledigen müssen. Werden sie daran gehindert, beschleicht sie das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Erst wenn eine Sache abgeschlossen ist, können sie wieder aufatmen. So viel Willenskraft wie es den Prokrastinierer kostet, eine komplexe Aufgabe zu erledigen, so viel Willenskraft kostet es den Pre-Krastinierer, es nicht zu tun und die Arbeit einfach mal liegen zu lassen. Fragt sich nur, was nun das geringere Übel ist.

Nina Fischer, November 2017


https://www.ted.com/talks/tim_urban_inside_the_mind_of_a_master_procrastinator

https://www.ted.com/talks/adam_grant_the_surprising_habits_of_original_thinkers

https://www.chronicle.com/article/How-to-ProcrastinateStill/93959

https://www.washingtonpost.com/news/wonk/wp/2016/04/27/why-you-cant-help-read-this-article-about-procrastination-instead-of-doing-your-job

https://www.nytimes.com/2016/01/17/opinion/sunday/why-i-taught-myself-to-procrastinate.html