Wir schreiben das Jahr 1984. In dem Film Ghostbusters fällt zum ersten Mal der berühmte Spruch „print is dead“. 23 Jahre später kommt das iPhone auf den Markt, bald darauf das iPad. Die zwischenzeitlich verstummten Stimmen werden wieder laut: Print ist tot. Diesmal aber wirklich.

Ein Buch in der Hand zu halten war plötzlich out. Print bewegt sich nicht, mit Print kann man nicht interagieren. Zeitungen und Magazine rangelten mit Facebook, Blogs & Co um Leserzahlen. Gleichzeitig etablierte sich das E-Book rasend schnell am Markt. Von 2008 bis 2010 stiegen die Verkaufszahlen um mehr als das Zehnfache. Als Experten in den USA daraufhin prophezeiten, dass das E-Book das gedruckte Buch innerhalb der nächsten fünf Jahre überholen würde, brach allgemeine Panik aus. Eine Studie der Uni Hamburg bestätigte diesen Trend: 2012 hatte fast jeder vierte Mensch in Deutschland mindestens einmal in seinem Leben ein E-Book gelesen. Auch Apple ist auf den Zug der Digitalisierung von Printmedien aufgesprungen und verlautbarte noch im selben Jahr bei einer Pressekonferenz, dass sie sich eine Zukunft vorstellen, in der Schulbücher überflüssig sind und durch iPad und E-Book ersetzt werden.

DER WEISHEIT letzter Schluss. Not.

Die Einführung des E-Books hat neben großen Befürwortern auch viele kritische Stimmen laut werden lassen. Der Gestalter Friedrich Forssman argumentiert, dass alle Fortschritte, die uns das Buch als Medium bzw. das gedruckte Wort selbst gebracht haben, durch das E-Book zunichtegemacht werden. Der grundlegende Unterschied für den digitalen User ist, dass man ein E-Book niemals besitzen kann, denn man kauft sich nur eine Lizenz dafür. Daher kann man es auch nicht verleihen oder weiterverkaufen. Wenn es vom Markt genommen oder zurückgezogen wird, ist es weg, da es ja nie im Besitz des Users war. Weiters ist man abhängig von einem Lesegerät und muss sich in den meisten Fällen registrieren und irgendwo seine Daten hinterlegen. Das gedruckte Wort hingegen haben wir schwarz auf weiß vor uns liegen. Printmedien haben mehr Potenzial, die Zeit zu überdauern und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, als ein Tweet oder ein Facebook Post. Aus diesem Grund sind gedruckte Bücher aus Sicht von Friedrich Forssman so wichtig und werden auch in Zukunft nicht an Wichtigkeit verlieren. Andererseits haben digitalisierte Inhalte auch viele Vorteile. Für das E-Book bedeutet das sehr geringe Herstellungskosten und eine schnelle und einfache Distribution. Auch für den User erleichtert der Zugang zum Netz die alltägliche Recherche und Beschaffung von Informationen. Man muss nicht mehr den Weg zum Buchladen, in die Bibliothek oder zum Zeitungsstand machen, sondern gelangt schon mit wenigen Klicks ans Ziel – und das egal, ob man gerade zu Hause oder unterwegs ist.

Des buches letztes Stündlein. NOT.

Mit Bangen blickte man dem vorausgesagten Todesjahr der Printmedien entgegen. Als es dann an der Zeit war, Bilanz zu ziehen, sah die Welt jedoch schon wieder ganz anders aus. 2014 lag der Marktanteil der E-Books in den USA nur bei 20%, in Deutschland waren es gerade mal 5%. Auch hatte sich das zweite Jahr in Folge der stationäre Buchhandel besser entwickelt, als der Onlinebuchhandel. Die Verkaufszahlen des hoch gefeierten E-Books sind stark stagniert. Das tot gesagte Buch feiert sein Comeback – print is not dead. Auf der QVED Design Konferenz für Editorial Design wurde 2016 auffallend viel über die Digitalisierung gesprochen und wie sie die Zukunft des Magazins und des Buches mitgestaltet und verändert. Von Bedrohung ist mittlerweile nicht mehr die Rede. Die Printbranche hat neuen Mut gefasst, denn „Der E-Book-Terror ist vorbei“, heißt es in den Schlagzeilen.

MULTICHANNELING ALS PROBLEMLÖSUNG.

Über eines sind sich mittlerweile alle klar geworden: Printmedien können nicht durch das Internet ersetzt werden. Aber Printmedien müssen sich die Digitalisierung durch Multichanneling zunutze machen, um zu überleben. Ein Magazin kann nur als gedrucktes Magazin bestehen, wenn für die Distribution und Vermarktung so viele Kanäle wie möglich bedient werden. So wirbt z.B. ein Magazin für seine aktuelle Ausgabe mit einem Filmtrailer und verbreitete diesen über Social Media. Die Frankfurter Buchmesse hat sich 2015 erstmals eine App zunutze gemacht, die es den Messebesuchern ermöglicht, jederzeit den ISBN-Code zu scannen und sich das Buch nach Hause liefern zu lassen. Bis dahin konnten die Besucher nur am letzten Tag der Messe an ausgewählten Ständen vor Ort Bücher erwerben.

Auch viele Gestalter der Printwelt mussten zuerst erkennen, dass Print und Online zwei unterschiedliche Medien sind und diese auch so behandelt werden müssen. Der Creative Director Mark Porter, der unter anderem den hoch gelobten Relaunch des Guardians sowie dessen digitalen Auftritt mitgestaltet hat, ist mit Printmedien aufgewachsen. Er beschreibt die grundlegenden Unterschiede zwischen Onlinemedien und Print folgendermaßen: Der User kennt das Medium Buch bereits. Er weiß, wie es funktioniert. Er weiß, wo es anfängt und wo es endet und wie er dorthin gelangt. Er kennt den Aufbau des Buches, er weiß, dass es eine Seitenzahl gibt und er umblättern muss, um zur nächsten Seite zu gelangen. Jedes Buch hat ein Inhaltsverzeichnis und ist in Kapitel gegliedert. Im Gegensatz dazu funktioniert eine Webseite oder eine App so ganz anders. Hier gibt es keine erlernten Vorgaben, die wir als Gestalter berücksichtigen müssen – und wenn es diese gibt, dann ändern sie sich zu schnell wieder, als dass der User sich tatsächlich daran gewöhnen könnte. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen der Gestaltung eines Printmediums und eines Onlineauftritts: Ein Buch definiert sich über dessen gut gestalteten Inhalt, eine Webseite definiert sich derzeit noch über Usability und User Experience.


Mark Porter gestaltet heute sowohl digitale, als auch multimediale Inhalte genauso wie Printprodukte. Er ist mit klassischen Printmedien aufgewachsen und brauchte nach eigener Aussage lange, bis er sich in der digitalen Welt zurechtfand. Er schloss einen seiner Vorträge über Print und Digitalisierung mit folgenden Worten ab: „Zuerst hatten wir klassische Printmedien, dann kam die Digitalisierung und mit ihr die neuen Onlinemedien. Ich weiß nicht, was als nächstes kommt, aber etwas Neues kommt ganz bestimmt. Die digitale Welt, wie wir sie heute kennen, wird in 50 Jahren so nicht mehr existieren.“ Da darf man ja mal gespannt sein, was die Zukunft bringt.

 

http://www.thedrum.com/opinion/2016/07/08/dont-judge-print-its-not-dead-yet

http://www.logbuch-suhrkamp.de/friedrich-forssman/warum-es-arno-schmidts-texte-nicht-als-e-book-gibt/

https://www.nytimes.com/2015/09/23/business/media/the-plot-twist-e-book-sales-slip-and-print-is-far-from-dead.html

https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article147622067/Das-Buch-ist-tot-Es-lebe-das-Buch.html

http://www.creativebloq.com/computer-arts/mark-porter-10108750