Für manche bester Freund, für andere größter Feind: Perfektionismus. Wie viel davon tut uns eigentlich gut und wann wird Selbstkritik zum Unglücklichsein? Und wann wäre es besser, "Good, better, done." zu sagen?

Steve Jobs war besessen von Details und Apple wäre heute wahrscheinlich nicht dasselbe, ohne seinen Drang zum Perfektionismus. Seine Besessenheit hat dazu geführt, dass es mehr als drei Jahre dauerte, bis der erste Macintosh-Computer auf den Markt kam. Verbesserungen mussten in mühevollen und langwierigen Prozessen ausgearbeitet werden. Jobs verwarf die Idee eines internen Belüfters – zu laut und ungeschickt. Seine Ingenieure mussten das Motherboard umbauen, weil es nicht elegant genug aussah. Steve Jobs hat sich auch damit beschäftigt, wieviele Schrauben in der Ummantelung eines Laptops stecken sollen, ohne das Gesamterscheinungsbild nachhaltig zu beeinträchtigen. Sechs Monate hat es gedauert, bis er mit dem Aussehen der Scrollbar in OS X zufrieden war. Lange Zeit bediente Apple ausschließlich eine Nische, denn Jobs hat erst spät in seiner Karriere gelernt, die Kontrolle abzugeben und sich zu öffnen. Zum Beispiel mit der Entscheidung, dass der iPod mp3-kompatibel ist und iTunes auch für Windows Nutzer zur Verfügung steht. Perfektionismus kann jemanden zu Höchstform motivieren, aber gleichzeitig auch des Menschen größter Feind sein, nämlich immer dann, wenn man sich dadurch selbst ins Aus manövriert.

Die Angst in schicken Schuhen

Elizabeth Gilbert, Autorin des Bestsellers „Eat, Pray, Love“ redet in ihren Vorträgen viel und gerne über Perfektionismus und besonders seine Schattenseiten. Sie hat sinngemäß einmal gesagt: „Better a good job done, than a perfect job never finished.“ Oder anders gesagt: etwas fertig zu bringen ist besser, als Perfektion anzustreben und niemals zum Abschluss zu kommen. Sie nennt Perfektionismus, Angst, die in schicken Schuhen daherkommt und uns mit der Unsicherheit konfrontiert, niemals gut genug zu sein. So erging es der Autorin auch bei ihrem ersten Buch. Je länger sie sich damit beschäftigt hatte, desto unzufriedener wurde sie. Aber der Gedanke daran aufzugeben und das Manuskript, an dem sie so hart gearbeitet hatte, in einer Schublade verschwinden zu lassen, war schlimmer, als etwas zu veröffentlichen, mit dem sie nicht 100%ig zufrieden war, oder das die Kritiker auseinandernehmen könnten. Gilbert lebt nach dem Mantra, dass nicht immer alles perfekt sein muss. Aber es muss gemacht werden. Nur so könne sich Kreativität entfalten und Platz für Neues geschaffen werden.

Was wir von den Jungen lernen können

In dem Film „While we’re young“ geht es um Josh und Cornelia, ein kinderloses Paar Mitte 40, das in der Midlife-Crisis steckt: Sie sind nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt. Der Protagonist Josh ist Dokumentarfilmer, der einst einen großen Hit landete und nun seit einem Jahrzehnt mit der Fertigstellung seines nächsten Films beschäftigt ist. Die aktuelle Fassung beträgt sechs Stunden. Er arbeitet so hart daran, aber er wird einfach nicht fertig damit. Der Film muss mindestens so gut werden, wie der letzte. Authentisch soll er sein und einen tiefergehenden Sinn ergeben. Dann lernen Josh und seine Ehefrau ein junges Hipster-Päarchen kennen, die ein bisschen so sind, wie sie es gerne wären. Jamie ist ebenfalls Dokumentarfilmer, geht die Sache aber mit einer achselzuckenden Selbstverständlichkeit, einer unverbissenen Gelassenheit – und einer GoPro – ganz anders an, als Josh. Und hat damit auch noch Erfolg.

Perfektionismus schön und gut, aber in der Realität mangelt es uns nur allzu oft an Können, Wissen, Zeit oder Geld. Wir sind ständig gezwungen, Kompromisse einzugehen. Und das schmerzt, wenn einem die eigenen Prinzipien und die Arbeit wichtig ist. Keiner von uns kann immer perfekt sein, so gerne wir das auch hätten. Manche motiviert Perfektionismus zu großen Taten, andere sehen in ihm den größten Feind. Vielleicht müssen wir lernen, dass „gut“ auch mal reicht, um uns dann wieder neuen Dingen widmen zu können. Denn wie jemand mal gesagt hat (ich weiß leider nicht mehr wer):


„Dreams of perfection don’t float. A boat does.“ Oder um es mit brandeins auszudrücken: „Die Leidenschaftlichen träumen von einer besseren Welt. Die Nüchternen bauen sie.“


http://www.brandeins.de/archiv/2015/pragmatismus/pragmatismus-nuechtern-betrachtet/

http://www.newyorker.com/magazine/2011/10/17/how-steve-jobs-changed

http://www.sueddeutsche.de/kultur/gefuehlt-mitte-zwanzig-m-kino-goodbye-hipster-1.2586964-2

http://www.elizabethgilbert.com/my-mothers-motto-ive-shared-the-expression-done-is-better-than-good-on-t/