Kreative Menschen leben in einer Welt des stetigen Wandels. Das kann Überforderung in einer schnelllebigen Welt mit sich bringen. Selbstzweifel, Überarbeitung und Burnout oder die Angst, dass einem irgendwann die Ideen ausgehen und man Motivation und Leidenschaft verliert.

In Wahrheit stehen wir uns jedoch meist selbst im Weg, denn Zufriedenheit, Erfüllung und eine innere Balance können wir uns nur selber schaffen.

Achtsamkeit wird oft als esoterischer Hokuspokus abgetan. Aber keine Angst vor Klangschalen und Räucherstäbchen – Achtsamkeit kann auch einfach nur ein Anstoß zum Nachdenken und zur Reflexion sein. Einen Großteil unserer Zeit verbringen wir damit, über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken. Achtsam sein, heißt wahrnehmen, was ist. Bewusst den Augenblick leben und sich ganz auf den Moment konzentrieren. Sich mit sich selber beschäftigen und das wertende Denken abschütteln. Bewusstes Beobachten, fast so wie ein Kind die Welt betrachtet: Ich kann am Morgen aus dem Haus gehen und mir fällt der Tau auf dem Gras auf, die Gänseblümchen und der Löwenzahn, die sprießen, ich höre das Summen der Bienen und rieche die frische feuchte Luft. Oder ich kann mir denken – scheiße, der Rasen gerät völlig außer Kontrolle, ich muss unbedingt mähen!

Achtsamkeit heißt aber nicht, einfach nur vor sich hin zu träumen und unproduktiv herum zu sitzen, sondern sich bewusst mit sich selber zu beschäftigen. Energien zu sammeln und Kraft zu schöpfen. Den meisten von uns fällt das schwer. Sobald wir mal nichts zu tun haben, überkommt uns gleich das beklemmende Gefühl, dass wir irgendetwas vergessen haben. Sollten wir uns nicht gerade um etwas Gedanken machen? Unsere Todo-Liste abarbeiten? Und selbst wenn das erledigt ist, fallen uns sofort wieder neue Dinge ein. Machen wir uns zur Abwechslung mal keine Gedanken, packt uns gleich das schlechte Gewissen.

Kreativität und Achtsamkeit haben viel miteinander gemeinsam, denn „wir können nicht malen, was wir nicht bewusst gesehen haben, wir können nicht ausdrücken, was wir nicht bewusst gefühlt haben". Deshalb sieht es auch ganz anders aus, wenn ein Roboter einen Flamenco tanzt oder eine Frau mittleren Alters, in deren Tanz all ihre Lebenserfahrung, Leidenschaft und Kraft zum Ausdruck kommt.

„Die Burnout-Spirale beginnt mit der Überidentifikation mit dem Beruf“, sagt Franz Berzbach, der in seinem Buch „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ darüber schreibt, dass die Achtsamkeit vor allem für kreativ schöpferische Menschen eine Herausforderung ist, denn ihnen fällt die Trennung zwischen Freizeit und Berufsleben besonders schwer. Die Gehirne von Kreativen seien anfällig für Verzweiflung, da sie pausenlos Probleme höchster Komplexität lösen. Dies trifft aber nicht nur auf Gestalter im klassischen Sinne zu, sondern genauso auf Manager, Software-Entwickler und Bauarbeiter – all jene Menschen, denen im Beruf komplexe Aufgaben gestellt werden, die es zu lösen gilt. Deshalb wird die Diagnose Burnout bei ihnen auch viel häufiger gestellt, als bei Menschen die rein physischer Arbeiten nachgehen.

Wir sind täglich durch Stress, Sorgen und Druck abgelenkt. Ein bisschen mehr Achtsamkeit täte uns allen gut. So banal es klingt, manchmal hilft auch einfach abwarten und Tee trinken. Dazu haben schon die alten Zen-Meister ihren Schülern geraten. „Ein Urlaub für die Seele“, wie Berbach das nennt. Kleine Rituale des Abschaltens im Arbeitsalltag als Alternative zu dem, was für die Raucher die Rauchpausen sind. Das sollten wir uns allen ab und zu gönnen. Oder um es mit den Worten des Grafikdesigners Eike König auszudrücken: Zwischendurch muss man auch einfach mal die Füße hochlegen.


LINKS:

http://diepresse.com/home/leben/kreativ/1440394/Von-der-Kunst-kreativ-zu-bleiben

Buchtipp: „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ von Frank Berzbach

http://www.dieliebezudenbuechern.de/2014/05/rezension-die-kunst-ein-kreatives-leben.html