Jeder will sie haben. Sie ist allgegenwärtig und umgibt uns jeden Tag. Wir können nicht auf die Straße gehen, ohne dass wir ihr irgendwo begegnen. Sie ist schön, mysteriös, aber auch unberechenbar.

Manchmal kommt sie zu uns, wenn wir es am wenigsten erwarten – direkt vor dem Schlafengehen, bei einer Tasse Tee oder unter der Dusche. Manchmal hoffen wir ganz verzweifelt darauf, dass sie endlich aufkreuzt und sie lässt uns einfach im Stich. Sie kann einen auch mal so richtig runterziehen und zwar immer dann, wenn man sie nicht hat. Klar, ich spreche von der Kreativität. 
 

Seit den 70er Jahren hat die Anzahl der Personen, die in der Kreativbranche tätig sind, deutlich zugenommen. Kunst ist keine einsame Nische mehr, sondern wurde durch das Arbeitsfeld der Gestaltung mithilfe von Computern und Internet demokratisiert und alltagstauglich gemacht. Kreativität ist heute nicht nur in der Kreativbranche gefordert, sondern genauso beim Handwerker, der sein nächstes Projekt plant, beim Arzt, der eine komplizierte Operation vor sich hat oder bei der Sekretärin, die eine Vielzahl an Terminen und Anfragen koordinieren muss. Kreativität wird zur wichtigsten wirtschaftlichen Ressource, ist Motor für Wissenschaft und Kultur und entscheidet vielfach über Erfolg und Misserfolg. Dass dem Einzelnen viel daran liegt, kreativ sein zu wollen, hat auch mit Selbstverwirklichung zu tun. Denn wer seine Ziele verfehlt, verfehlt das eigene Idealbild. Gerade aus diesem Grund wäre unkreativ sein zu wollen im heutigen Zeitalter völlig absurd. So darf es uns auch nicht wundern, dass die neuesten Kreationen bei der Eisdiele unseres Vertrauens Birne-Parmesan, Basilikum und Rotweinschokolade heißen.

Talent, Fahrradfahren und natürliche Feinde

Ob Kreativität tatsächlich erlernbar ist oder gar trainiert werden kann, darüber sind sich die Forscher nicht ganz einig. Begabung lässt sich freilich nicht erlernen, entweder man hat Talent oder man hat es nicht. Um kreativ zu sein, braucht es jedoch weitaus mehr als nur eine gut entwickelte rechte Gehirnhälfte, denn Kreativität entsteht erst durch das Zusammenspiel von bestimmten Verhaltensweisen und sozialen Einflüssen.
 

Laut dem Psychiater und Kreativitätsforscher Rainer Holm-Hadulla geht es bei der Kreativität in erster Linie um die Neukombination von Informationen, die Fähigkeit, auf Problemstellungen flexibel reagieren zu können und angemessene Lösungen zu finden sowie bereits Gelerntes in neuen Kontext zu setzen. Er nennt als wesentliche Elemente der Kreativität Begabung, Wissen, Motivation, Charaktereigenschaften und äußere Einflüsse. Holm-Hadulla ist fest davon überzeugt, dass man Kreativität genauso erlernen kann, wie das Fahrradfahren. Um das persönliche Potenzial entfalten zu können, muss Kreativität jedoch geübt und gefördert werden. 

Theoretisch kann also jeder kreativ sein, wären da nicht die zwei natürlichen Feinde der Kreativität. Einerseits ist das der innere Kritiker, der uns immer wieder einbremst und daran erinnert, dass unsere Ideen vielleicht doch nicht so gut sind, wie wir es gerne hätten und der Angst, Fehler zu machen, Neues auszuprobieren oder ein Risiko einzugehen. Andererseits hindern uns auch äußere Faktoren wie Geld- und Zeitdruck, Stress und Übermüdung daran, kreative Potenziale zu entfalten. Fördern kann man Kreativität mit Begeisterungsfreude und Spaß am Arbeiten, einer spielerischen Herangehensweise und viel frischer Luft und Bewegung, denn ohne Sauerstoff kann unser Gehirn auch keine Leistung erbringen. Oder um es mit Andy Warhols Worten auszudrücken: „Kreativität ist der Spaß, welchen man als Arbeit verkaufen kann.“ 

Edward de Bono, der britische Mediziner, Buchautor und Experte auf dem Gebiet „Creative Thinking“, ist ebenfalls der Meinung, dass Kreativität nicht nur dafür prädestinierten Menschen vorbehalten, sondern durchaus erlernbar ist. Es gehe dabei um Asymmetrien in den Gedankengängen und unerwartete Wendungen. So gesehen funktioniere Kreativität ähnlich wie Humor. Ausschlaggebend sei jedoch, dass kreatives Schaffen einen Wert hat. Originalität ohne Sinn und Zweck lehnt de Bono entschieden ab.

Auch die Psychologin Jennifer Gunkel von der Technischen Universität München vertritt die Meinung, dass jeder das Potenzial dazu hat, kreativ zu sein. Es hänge jedoch sehr viel von der Umgebung, sprich dem Arbeitsplatz ab und wie dieser gestaltet sei. Er kann sowohl Kreativität fördern, als auch unterdrücken, je nachdem wie wohl sich die Person dort fühlt und wie viel Verantwortung und Freiheiten sie hat. Bei Google zum Beispiel dürfen die Mitarbeiter einen Tag in der Woche eigenen Projekten nachgehen. Durch den Perspektivenwechsel erhofft sich das Unternehmen, dass die Mitarbeiter erfinderischer und kreativer werden.

Wie aber entstehen eigentlich die besten Ideen? Im Ruhemodus, wie die Firma iQudo in Stuttgart herausfand. Laut deren Umfrage haben nur 6,4% aller Mitarbeiter gute Ideen bei der Arbeit. Knapp die Hälfte haben Geistesblitze beim Erholen, also etwa auf der Couch oder in der Badewanne, weitere 24,1% haben die besten Einfälle beim Sport. Sich zwischendurch mal abzulenken, kann also durchaus kreativitätsfördernd sein. Denn selbst die besten Kreativen können nicht auf Knopfdruck und rund um die Uhr Ideen produzieren, auch wenn uns das viele glauben lassen wollen.

Kochen ohne Rezept

Heute nehme ich mir vor, mal was richtig Gutes zu kochen. Was aber, wenn man gerade keine Lust zum Einkaufen hat? Kurzer Blick in den Kühlschrank. Da ist ja noch einiges da, sollte eh verbraucht werden. Ich google und lass mich inspirieren. Genau, da wäre was, das ich kochen könnte. Eine Mischung aus diesem und diesem und diesem Rezept. Dann nochmals der Blick in den Kühlschrank. Zitronen hab ich keine, kann ich aber durch Limonen ersetzen. Datteln – auch Fehlanzeige, aber vielleicht Rosinen stattdessen. Mit der Mengenangabe nehme ich es nicht so genau, den Becher Sauerrahm will ich jetzt noch aufbrauchen. Und schon bald: Fertig ist mein wunderbares Abendessen! Ob es dann tatsächlich so gut schmeckt, wie ich mir das ausgemalt habe, ist die andere Frage. Aber zumindest habe ich mich von der gähnenden Leere in meinem Kühlschrank nicht abschrecken lassen. (Vom Weg zum Supermarkt jedoch schon.) Manchmal muss man Neues ausprobieren, ein Risiko eingehen oder einfach das Beste aus dem machen, was man gerade vor sich liegen hat. Klar, Kreativität ist kochen ohne Rezept.
 
 

http://www.create-magazin.de/creative-skills-kann-man-kreativitaet-lernen/

http://www.walkyourtalk.at/das-atelier-im-kopf-wie-geistesblitze-entstehen/innovation/

https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article9031575/Die-hohe-Kunst-der-Kreativitaet-laesst-sich-erlernen.html

http://www.tagesspiegel.de/wissen/das-neue-regime-der-originalitaet-wir-muessen-kreativ-sein/7359298.html