Wer macht schon gerne Fehler? Oder besser gesagt: Wer glaubt schon, gute Fehler machen zu können?

In unserer Gesellschaft ist es tief verankert, dass Fehler etwas mit Schwäche zu tun haben und aus einem gewissen Nichtwissen oder Nichtkönnen heraus resultieren. Fehler sind gleichgestellt mit Scheitern, Versagen – schlichtweg Niederlage. Es wird versucht, Fehler möglichst zu vermeiden oder sie zumindest so klein wie möglich zu halten.

Dabei können Fehler für jeden – speziell für Kreative – so wichtig und essentiell sein. Fehler können durchaus Ursprung neuer Inspiration sein und Projekte generieren – mit einer immensen Wertsteigerung.

Gerade in der heutigen Zeit sind wir umgeben von Perfektionen. Zumindest scheint es so, dass alle und alles möglichst perfekt und vollkommen sein will, fehlerfrei und makellos. Doch eben dieses fehlerfreie Dasein ist der Anfang vom Ende. Wo keine Reibung ist, entsteht auch keine Spannung und damit auch kein Austausch. Somit keinerlei Raum und Fläche für Diskurs und Kommunikation. Wo Makellosigkeit beginnt, hat individuelle Vielfalt wenig Raum. Wo Geradlinigkeit gefordert ist, bleibt für Geschichten keine Zeit. Und im kreativen Dasein geht es schließlich darum, Geschichten zu erzählen.

Es ist also fast ein Muss, als Kreativer oder ganz grundsätzlich als Input- und Ideenlieferer seine gewohnten Denkmuster und Wahrnehmungsweisen stets zu hinterfragen und kritisch zu beobachten. Neue Herangehensweisen sind der Ursprung neuer Ideen. Und dabei entstehen durchaus auch Fehler. Aber nur dadurch eröffnet sich uns die Chance, zu lernen und uns zu entwickeln. Fehler sind also wirklich etwas Tolles.

Schon vor 100 Jahren hat Marcel Duchamp unter dem Pseudonym R. Mutt einen neuen Zugang zu einem Objekt geschaffen, das für viele davor mit einer klaren Funktion verbunden war. Sein Urinal, genannt "Fountain", ist ein Kunstwerk, das Geschichte geschrieben hat. Die Jury, die darüber entschied, welches Objekt denn „kunsttauglich“ sei und somit in die Jahresausstellung der New Yorker Society of Independent Artists kommt, hatte das Pinkelbecken abgelehnt, mit der Begründung, es sei keine Kunst. Über mehrere Spalten verteidigte ein Zeitungsartikel in der Dada-Zeitschrift The Blind Man das Werk:


„Ob Mister Mutt das Objekt mit eigenen Händen erschaffen hat oder nicht, ist unwichtig. Er hat es ausgewählt. Er hat einen Alltagsgegenstand so eingesetzt, dass seine ursprüngliche Funktion durch die neue Betrachtungsweise verschwand. Er schuf einen neuen Gedanken zu dem Objekt.“

Marcel Duchamp verändert den Umgang mit der Kunst, legt den Grundstein für die Pop-Art mit Skandalen, Provokationen, aber auch mit Humor. „Yes, humour is very important for my life, you know. It's the only reason for living in fact.”

Humor. Lachen können. Auch über Fehler. Und mutig sein, Fehler überhaupt zuzulassen und zu machen. Zu versagen und gestärkt, größer und reicher an Ideen herauszugehen. Ein Hoch auf Marcel Duchamp und Erik Kessels, die mich dazu veranlasst haben, über den perfekten Fehler und das imperfekte Dasein nachzudenken.


Sophie Renner, April 2019