KRITIK

Als kleiner Praktikant bei Serviceplan in München hatte ich einmal einen Pitch vorzubereiten, und zwar ohne meine Art Directorin. Und da geschah es...

Zuckerbrot und Peitsche

Sie war zwei Tage für einen Kunden unterwegs und bat mich, mich um die Vorbereitungen zu einem wichtigen Pitch zu kümmern. Montags drauf, voller Stolz und mit geschwellter Brust zeigte ich ihr Trommelwirbel – Tusch – dann die Frucht meiner überaus erfolgreichen Arbeit.

 

Innerhalb von einer gefühlten Minute hatte sie dann nicht, wie erwartet, die süße Frucht gepflückt, sondern war mit der fachlichen Kettensäge gepflegt durch den Baum marschiert, an der ebendiese hing. Also: alles neu. Unfassbar. Die Arbeit von zwei Tagen für nichts – dass das eine bodenlose Frechheit war, musste jetzt einfach gesagt werden. Mit den Worten, ich müsste dringend kritikfähiger werden, und soll aufhören zu heulen, verabschiedete sie sich dann wieder an ihren Arbeitsplatz. Der Texter im Team nahm mich anschließend beiseite und meinte, ich soll nicht so ein Mimöschen sein. Das passiere in jedem Projekt und ich würde schon sehen, dass das Endergebnis viel besser werden würde, als es derzeit war. Danke, noch mal drauftreten, auf einen, der eh schon am Boden liegt. Ich hätte am Liebsten hingeschmissen und diesen Amateuren gesagt, was für ignorante Vollpfosten sie seien und dass sie sich ihr Endergebnis dorthin schieben sollen, wo keine Früchte wachsen.

"MEI BIER IS NET DEPPAT"

Abends, bei einer Flasche Augustiner Edelstoff, als ich mir nicht nur deren Inhalt, sondern auch den vergangenen Vormittag nochmals durch den Kopf gehen ließ, war es plötzlich sonnenklar: Natürlich gab es in diesem Schauspiel nur einen einzigen Vollamateur, und der war ich. Für einen Studenten, der noch nicht mal seinen Bachelor in der Tasche und einen Erfahrungsschatz von 2 Monaten als unwichtigstes Mitglied dieses Agenturriesen hatte, war ich doch sehr überzeugt von meinem Können – im Gegensatz zu einer Frau, die schon über 10 Jahre in den besten Agenturen hinter sich, eine ordentliche Packung Argumente im Gepäck und dennoch eine sehr demütige Haltung gegenüber ihrer Arbeit hatte. Das zu begreifen, begleitet einen offenbar ein Leben lang.

 

Aber es ist leider so. Für die meisten Leute – und da nehme ich mich nicht aus, obwohl ich es echt versuche – ist die erste Reaktion auf Kritik Abwehrhaltung oder im Schlimmstfall der klassische Rundumschlag in die Menge der „Ignoranten“ und „Ahnungslosen“ mit denen man tagtäglich zu tun hat. Wenn man nicht bis zur Flasche Edelstoff am Abend Zeit hat, soll es helfen, in solchen Situationen einfach ein paar Mal tief einzuatmen und gar nichts zu sagen. Vielleicht nimmt man es in dem Moment doch ein wenig zu persönlich, oder hat zu wenig Abstand zur Arbeit, die gerade kritisiert wird. Wahrscheinlich kommt es aus derselben Ecke: Ich habe einmal gehört, Feedback und Kritik soll kommentarlos und mit einem Dankeschön angenommen werden. Die Entscheidung, ob das Feedback für mich relevant und professionell war soll erst später erfolgen, wenn sich das gehörte gesetzt hat. Es werte die Erfahrung auf und beeindrucke oft auch schärfste Kritiker. Sätze á la „Ja ich weiß eh, hab' ich eh so gemacht, aber ...“ klingen nach beleidigtem Frischling aus der Hochschule – und die gibt es übrigens noch immer – trotz Symposien, Teamworksessions, gemeinsamen Ateliers und 1-Tisch-Büros. Der Professor ist so blöd, der hat ja keine Ahnung und so weiter. Kindergarten.

Ich habe genau diesen peinlichen, aber lehrreichen Fehler machen dürfen. Aber so leid es mir tut: Man lässt einfach nur die Hosen runter und macht sich echt lächerlich. Und wenn man nicht besonders kritikfähig ist, sich also auch nicht selbstkritisch beäugt, steht man mit der Buxe da und alle sehen's, nur man selbst nicht. Blöd, oder?

Die Kehrseite der Medaille.

Aber nicht nur unter Kreativen mit ausgeprägtem Geltungsbedürfnis, bei Aufträgen wird ab und an auch von Kundenseite zum Tanz in der Unterhose aufgefordert. Leider ist es nämlich so, dass die Kritik des Gegenübers oft unpräzise („Das gefällt mir einfach nicht so richtig.“), unverwertbar („Da müssen wir noch irgendwas anders machen.“) und subjektiv („Auf Grün stehe ich persönlich jetzt nicht so ...“) ist – was wiederum heißt, dass es mühsam bis an Glücksspiel grenzend ist, sie zielführend zu verarbeiten.

Aber, wie ich finde, noch viel wichtiger: Kritik muss ehrlich, einfach und direkt sein. Frei Schnauze, ohne Umwege, ohne Dekoration oder gespielt falsche Höflichkeit. Man merkt, wenn jemand etwas verbirgt oder gar lügt. Das können nur ganz wenige wirklich gut. Und die mögen mit dieser "Gabe" leben können – und wollen, zumal sie sich ja ohnehin selbst sabotieren.


Kritik mit dem Blumenstrauß zu überreichen, gleichzeitig aber das Messer im Sack aufzuspannen, ist nämlich so wertlos und fahrlässig, wie hinterrücks jemanden zu kritisieren, weil es verhindert, ein Projekt oder einen Zustand notwendigerweise zu verbessern. Es sabotiert harte Arbeit und ist außerdem ein Zeichen dafür, dass das Gegenüber entweder unqualifiziert, unerfahren, chronisch frustriert oder einfach schlecht gelaunt ist.  Alle vier Varianten bilden nicht nur keine ideale Basis für ein fachliches Gespräch – es hinterlässt auch einen unprofessionellen Eindruck, wenn man nicht in der Lage ist, Kritik professionell abzugeben oder auch mit Interesse, Demut und Dankbarkeit zu erhalten. Außerdem zeugt das von schlechten Manieren und lässt, wie ich finde, auch auf das Leben abseits des Berufsalltags schließen.

Nur nebenbei: Wir durften in letzter Zeit einige Projekte umsetzen, und wenn man Revue passieren lässt, in welchen Projekten eine Kultur offener und gegenseitiger Kritik gelebt wurde, muss man ganz klar sagen: Man sieht es den Projekten nicht nur an, sondern kann deren Erfolg auch quantitativ messen. (Danke Franz, für die gute Zusammenarbeit bei der Website der Wassergenossenschaft Rankweil)

Durchatmen. Easy.

In unserer Branche muss man annehmen, dass es zu einem Projekt andere Meinungen als die eigene geben wird. Es wird andere Blickwinkel geben. Peitschenhieb und Zuckerbrot. Aber wenn das Gegenüber mit der Peitsche ausholt oder das Zuckerbrot aus der Tasche holt, dann hilft es, einfach einen Schritt zurückzumachen. Kritik, ob gut oder schlecht, ist weder ein persönlicher Angriff noch die Streicheleinheit fürs Ego, sondern ein Stresstest für die geleistete Arbeit. Schön, wenn sie ihn gleich besteht, schön aber auch zu wissen, dass man im nächsten Schritt etwas noch besser machen und das Optimum herausholen kann. Sehr oft im Verlauf eines Projektes kommt man der Aufgabe zu nahe, verkopft sich wegen einer Kleinigkeit und braucht dann einfach Kritik oder Rat, je nachdem wie man es bezeichnen will. Es zeugt nicht von Unfähigkeit, nachzufragen, um Feedback zu bitten, zu diskutieren. Das eröffnet oft neue Blickwinkel. Aber nur, wenn Kritik auch auf einem Level stattfindet, das professionelles Zusammenarbeiten auch möglich macht.

Last, but not least: Mir ist schon klar, das Prinzip lautet doch öfter, als viele es zugeben würden „Nüt gseit išt gnua globet.“ Einander das Zuckerbrot auszupacken, wenn es gerechtfertigt ist, aber nicht nur sehr freundlich und liebenswert, sondern professionell kostet auch nichts.


Den folgenden Beitrag zum Thema fand ich übrigens ganz informativ und belege, wie gewohnt, auch meine Quelle der Inspiration, zuletzt aufgerufen am 9.3.2016:

http://www.drweb.de/magazin/wie-man-richtig-mit-kritik-auf-ein-design-umgeht/

Jürgen Scharf, März 2016