Braucht beziehung wirklich Kommunikation?

Willst du mit mir gehen, Susi?

Willst du mit mir gehen, Susi

Sie war blond, hatte blaue Augen, war sportlich und alle standen auf sie. Natürlich auch ich. Wochenlang hoffte ich darauf, dass sie meine Zuneigung spüren und mich in ihr Herz schließen würde, einfach so, ohne dass ich groß werben musste. Schließlich, nach verzweifeltem Schmachten und ungeduldigem Warten, blieb mir doch nur der eine, offenbar übliche und hoffentlich bewährte Schritt: Ich nahm all meinen Mut zusammen und schrieb auf einen Zettel die magische Frage: „Willst du mit mir gehen? A.“ Heimlich steckte ich ihr den Zettel in der großen Pause zu. Wieder hieß es warten. Und dann, am nächsten Tag, in der nächsten großen Pause, teilte sie ihr Brot mit mir und flüsterte mir ein heimliches „Ja“ zu. Ich war 8 und es war meine erste Beziehung, die sagenhafte 3 Wochen dauern sollte. Ich hatte es geschafft, mit meiner Kommunikationsoffensive auf mich aufmerksam zu machen, einen Menschen zu interessieren, in Beziehung zu treten. Das Ende ging übrigens wortlos über die Bühne – aber das ist eine andere Geschichte. 


Szenenwechsel 1 – Letzte Woche bei unserem Herbstfest saß ich im Publikum, während Schellinski auf der Bühne musizierte (Danke nochmals an Walter Schuler, Lukas Bildstein und meinen Freund und Partner Bernie Weber). Und natürlich wurde zwischen den Nummern geplaudert, erklärt, gescherzt und die nächste Nummer vorbereitet. Aber das eigentlich Interessante passiert wortlos: Mit der Musik entstand Beziehung. Und das nicht nur zwischen Musikern und Publikum, sondern auch zwischen den Menschen auf den Stühlen, die sich zulachten, an der Hand nahmen oder einfach nur einen Blick schenkten. Und natürlich auch auf der Bühne zwischen Lukas, Bernie und Walter, die in dieser Formation noch nie miteinander gespielt hatten. 

Szenenwechsel 2 – Von Zeit zu Zeit koche ich einen Tag lang mit meinem Freund Robert. Das beginnt frühmorgens im Metro oder bei Transgourmet. Dann geht’s in die Stadt zu Buongustaio, wo bei einem Achtel der restliche Plan entwickelt wird. Das war’s dann auch schon mit der großen Kommunikation. Der Rest passiert fast ohne Worte. Jeder macht seine Arbeit, schneidet, mixt, püriert, putzt und kocht vor sich hin. Es wird besprochen, was nötig ist (in den Kochpausen ist genügend Zeit für Plauderei). Der Rest funktioniert auf einer anderen Ebene. Wir sind in Beziehung (aber rein kochtechnisch) und wissen, was am Ende rauskommen soll. Funktioniert übrigens immer erstaunlich gut. Zumindest wird alles gerne und genüsslich aufgegessen. 


Szenenwechsel 3 – Im Steinebach 13 ist Kommunikation mit dem Zweck des Beziehungsaufbaus mein tägliches Geschäft. Ja, es dreht sich alles um die Beziehung. Die einen erzählen über ihre tollen Produkte und Dienstleistungen. Die andere von ihren Problemen und Wünschen. Wenn sich dann im richtigen Moment, im passenden Kontext die beiden Geschichten treffen, Resonanz finden – dann entsteht Beziehung und damit ein Geschäft, das im Idealfall, wenn die Beziehung nicht ein One-Night-Stand ist, zu einer Ehe ähnlichen Zweisamkeit führen kann. 


Dass Beziehung sowohl verbal wie auch ohne Worte auf einer anderen, feinstofflichen Ebene passiert, ist mittlerweile ein alter Hut und allgemein akzeptiert. Man kann sich riechen. Oder eben auch nicht. Man kann allerdings auch etwas Parfum auftragen, um die Anziehungskraft olfaktorisch zu unterstützen. Bei unserer Arbeit besteht dieses Parfum aus den unterschiedlichsten Zutaten – wohlgemerkt nachdem wir sorgfältig mögliche Allergien und Vorlieben des Gegenübers abgecheckt haben. Danach schöpfen wir aus dem Vollen, greifen tief in die Beziehungszutatenkiste. Es reicht also keinesfalls, sich nur anzuschmachten und auf die empathischen Fähigkeiten des Gegenübers zu hoffen. 


Und auch bei unserer Arbeit gilt: Eine gute Geschichte schafft so manche Barriere ab. Sie macht neugierig, interessiert, veranlasst zu Reaktionen. Im Moment erzählen wir sehr viele Geschichten und verbreiten sie über Social Media Kanäle. Wir sind hier noch immer Lernende, Novizen in Sachen Beziehungsaufbau und Liebeswerben. Aber es ist erstens erstaunlich, was sich hier aufgrund einer guten Geschichte so alles tut. Und es ist zweitens extrem tröstlich, wie gut die Geschichten gestreut und wie gezielt die Beziehungen geknüpft werden können. Diana und Jürgen haben gerade (sehr erfolgreich) das zweite Modul ihres Nachdimplomstudiums in Zürich absolviert. Und wir haben entschieden, dass wir noch viel mehr in dieses Thema investieren werden, die gesamte digitale Welt massiv ausbauen und zu einem noch wesentlicheren Teil unseres Angebots machen werden. Zu Wedding Planning, Eheberatung und Paartherapie sozusagen noch parship und tinder mit dazu. 


Das mit Susi ist vielleicht auch daran gescheitert, dass wir in den drei Wochen unserer Beziehung nicht wirklich in Beziehung waren – außer auf dem Papier natürlich. Vielleicht lag’s auch daran, dass sie bei ihrer Geburtstagsparty mit mir auf dem Klo küssen wollte (wir wurden ganz zufällig ausgelost) und ich samt Panikattacke und Preis von der Schatzsuche das Weite gesucht hatte, statt ihrer Einladung zur Intensivierung unserer Beziehung nachzukommen. Aber auch das ist eine andere Geschichte. 

Übrigens Danke für unsere Schreiber-Leser-Beziehung von gerade eben. Funktioniert doch, oder?

Andreas Mathis

November 2018