Mut

Sonntagvormittag. Waldbad Feldkirch. Großes Becken mit Sprungturm. Unten der Vater, oben auf dem 3-Meter-Brett die kleine Lea. Geschätzte 7 Jahre alt. Bereit für den großen Sprung ins kühle Nass.

Mut

Sonntagvormittag. Waldbad Feldkirch. Großes Becken mit Sprungturm. Unten der Vater, oben auf dem 3-Meter-Brett die kleine Lea. Geschätzte 7 Jahre alt. Bereit für den großen Sprung ins kühle Nass. Der Vater gibt ihr Tipps wie, „spring nicht zu flach weg“ oder „pass auf, dass du dich nicht überschlägst“ und schließlich noch „halt den Kopf zwischen den Armen, damit der Aufprall nicht zu sehr weh tut“. Sehr ermutigend alles zusammen. Und was macht Lea? Sie springt, macht einen eleganten Füßler, zieht im letzten Moment die Beine an. Der Füßler wird zur Arschbombe, die den Vater am Beckenrand ordentlich mit Wasser eindeckt. Bravo Lea.

Szenenwechsel. Eine Tiefgarage in Cannes. Zwei Damen mittleren Alters warten auf den Lift, um nach oben zu fahren. Er kommt, die Türe geht auf. Drei junge Männer in Lederkluft, mit Tattoos, längeren Haaren, Stirnband und eher grimmigem Gesichtsausdruck – vielleicht sind sie aber einfach auch noch etwas müde vom Vorabend – stehen drinnen. Die Damen schauen sie an, schauen sich dann gegenseitig an. Die eine beginnt in der Handtasche zu nesteln und meint: „Ich glaub, ich hab was im Auto vergessen.“ Die Türe schließt sich und der Lift befördert die vermeintlich finsteren Jungs nach oben. Die Damen warten auf den nächsten. Hoffentlich leeren.

Dornbirn, Steinebach. Kundentermin zum Thema „Neues für das kommende Jahr“. Der Beamer wirft Ideen an die Wand. Es wird erläutert und positiv motiviert. Der Kunde lauscht. Schaut. Nickt. Er scheint angetan zu sein. Das Ende ist erreicht und die Präsentatoren blicken in freudiger Erwartung auf den Kunden. Dieser versinkt in ein kurzes Nachdenken, bevor er ausschweifend anhebt, die aktuelle Situation, die künftig zu erwartende und natürlich auch jene von vor fünf Jahren zu erklären. Um dann mit dem Fazit zu enden: „Das ist alles gut und recht. Durchaus vorstellbar. Aber wir wollen nicht gleich die Welt einreißen. Bleiben wir doch bei dem, was sich bewährt hat. Da sind wir auf der sicheren Seite.“ Tschüss einmalige Chance.

Und was hat das jetzt alles miteinander zu tun?

Richtig. Es geht um Mut. Mut in unterschiedlicher Form. In verschiedenen Situationen. Mit individuellen Risiken behaftet und mit jeweils der Möglichkeit, mit der getroffenen Entscheidung zu scheitern. Aber: Es gibt ja auch die Chance, dass Mut belohnt wird, dass er sich in ein Erfolgserlebnis verwandelt und damit eine ganze Masse an Endorphinen freisetzt.

Die kleine Lea hat das intuitiv kapiert. Sie hat wahrscheinlich nicht über die Möglichkeiten eines Bauchflecks nachgedacht. Oder darüber, die Leiter wieder hinunter zu steigen. Sie hat einfach das umgesetzt, was sie sich – nicht einmal – vorgenommen hat. Sie wollte das, also hat sie´s gemacht. Sie ist gesprungen. Und neben meiner Schadenfreude über den nassen Vater wurde sie dafür mit einer Steigerung ihres Selbstwertgefühls und der Bestätigung belohnt, dass sich Mut lohnt.

Mut kommt aus dem Indogermanischen. Dort war „mo“ gleichbedeutend mit „sich mühen“, „starken Willens sein“, „etwas unbedingt wollen“. Das war Lea nicht bewusst, sie hat einfach das für sie intuitiv Richtige getan. Die beiden Damen im Parkhaus vielleicht auch. Man weiß es nicht.

Heute hat man oft den Eindruck, Mut werde zuerst mit Risiko konnotiert. Mit Gefahr und Unsicherheit. Dabei würden wir gerade bei den Entscheidungen in unserem Geschäftsleben oft viel mehr Mut vertragen. Er ist nämlich auch die Grundzutat für Entwicklung, für Vorankommen und schlussendlich für unternehmerischen Erfolg.

 

Mut hat auch nichts mit Leichtsinn zu tun. Besonders dann nicht, wenn wir unsere Kunden zu mutigen Entscheidungen führen wollen. Oft sind sie gar nicht so mutig, wie der Kunde meint. Wir haben im Vorfeld nämlich nicht die Tarot-Karten gelegt oder das Orakel vom Zanzenberggipfel befragt, sondern viel überlegt, recherchiert, analysiert, sorgfältig abgewogen und geplant.

So wie Mutproben in der Entwicklungspsychologie als sinnvolles Instrument zur Formung von Persönlichkeit gelten, wären auch mutige Entscheidungen durchaus geeignet, um vorwärts zu kommen. Also: Nur Mut, wird schon schiefgehen. Wahrscheinlich aber nicht.

Andreas Mathis, September 2016


Buchtipp: Mut – Über sich hinauswachsen


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