das gute Bauchgefühl

Mikrowelle, Eis am Stiel + LSD. Klingt nach einer verlockenden Mischung. Und in der Tat, diese Dinge verbindet eine Gemeinsamkeit:

Mikrowelle Eis am Stiel und LSD

Diese Ideen entstanden nicht nach den Gesetzen der Logik. Hier wurden nicht die Alternativen analysiert, mit den Konsequenzen abgewägt und anschließend mit den Wahrscheinlichkeiten multipliziert, um anschließend so zu einem zielführenden Ergebnis zu gelangen. Während die Mikrowelle Radarwellen für Kampfflugzeuge erzeugen sollte und Eis am Stiel aus einem Kindermissgeschick entstand, sollte LSD nur den Blutkreislauf stimulieren.

Geniale Ideen sind noch selten aus rationalen Entscheidungen entstanden, sondern entstammen aus den Situationen, in denen ein Kopf im richtigen Moment auch mal auf den Bauch gehört hat. Entscheidungen zu fällen ist die zentrale Aktivität im Design. Hierbei kann man sich aber nicht nur auf die hard-boiled facts verlassen, was generell als ästhetisch oder als Faustregel in der Gestaltungslehre gilt. Um ein anspruchsvolles und zielführendes Design zu schaffen, muss man sich intensiv mit der Aufgabenstellung auseinandersetzen, sowohl das Gesamtbild mit dem Blick von außen betrachten, als auch die einzelnen Facetten im Detail analysieren, um schlussendlich visuell einen schlüssigen und stimmigen Kern auszuarbeiten.

Umso mehr Informationen wir zu einer Thematik haben, desto leichter fällt es uns klar strukturiert eine Entscheidung zu fällen. Doch in der heutigen Informationsgesellschaft werden wir schlichtweg überflutet von Daten und Fakten, die wir für unsere Entscheidungen in Anbetracht ziehen können. Wir speisen unser Hirn laufend mit neuen Daten, auf welchen dann unsere folgenden Entscheidungen basieren. Wo in der Vergangenheit noch eine bestimmte Anzahl an Fachliteratur zur Verfügung stand, wird heutzutage ein Sachverhalt im Internet mit einer Vielzahl von Artikeln, Kommentaren und Essays von jeglichen Seiten beleuchtet, bestätigt und gleichzeitig auch widerlegt. „Je komplexer die Dinge sind, desto unvorhersagbarer wir das Ganze – besonders bei rationaler, rein wissenschaftlicher Denke“, sagte Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Und weil wir eben nicht mehr in der Lage sind alle Informationen, die uns zur Verfügung stehen, in Betracht zu ziehen, sind wir besonders in der heutigen Zeit auf unsere Intuition angewiesen.

Wer nun glaubt, dass wir Gestalter nach gut dünken frei heraus entscheiden, ob ein Logo nun grün und eckig oder blau und rund ist, nur weil es uns im Bauch kribbelt, liegt völlig falsch. Die kreative Arbeit eines Gestalters wird leider oftmals fälschlicherweise für einen willkürlichen Ausdruck von persönlichem Geschmack und Stil gehalten. Im schlimmsten Fall resultiert es darin, dass das Design in der darauffolgenden Korrekturschleife mit den persönlichen Präferenzen des Kunden ersetzt wird. Somit wird der Sinn von Gestaltung und vor allem       die Aufgabe des Gestalters, wofür man ihn ja schließlich auch  angeheuert hat, schlichtweg in die Tonne getreten.

Ein guter Gestalter zeichnet sich nicht (nur) durch seinen guten Geschmack aus, sondern durch die Fähigkeit komplexe Sachverhalte zu analysieren, Verbindungen und Möglichkeiten zwischen verschiedenen Umständen zu erkennen, diese zu kombinieren und alles mit der passenden gestalterischen Sprache in die finale Formgebung zu bringen. Gleichsam mit der Erfindung von Mikrowelle, Eis am Stiel und LSD, benötigt es dafür eine ausgeprägte Auffassungsgabe und den geschulten Sinn die Verknüpfung zwischen Inhalten zu erkennen und diese in vollendeter Form visuell ins Leben zu rufen.

Hierfür braucht es gestalterische Intuition. Diese macht es erst möglich einen Entwurf hervorzubringen, wenn selbst der Kunde noch nicht weiß, wohin die Reise gehen soll. Vor allem bewahrt uns die Intuition davor, bei einem mageren Briefing schreiend von einem leeren Dokument wegzulaufen, um dem Horror Vacui zu entkommen. Diese Intuition kommt aber nicht von ungefähr.
 
Im Gegensatz zum Instinkt ist Intuition nicht angeboren sondern erlernt. Und zwar durch Erfahrungen, Übung und Ausprobieren. Im Laufe eines Gestalter­lebens schaffen es viele Entwürfe gerade mal bis zum Papiereimer, doch es ist gerade dieses Trial and Error, das mit Erfahrung belohnt und gelernte Information zu Wissen festigen lässt. Tag für Tag nähren wir unsere Intuition mit neuen Eindrücken, tauschen uns gegenseitig aus und bilden uns fort. Ein Gestalter zu sein bedeutet nicht nur toolkompetent und fachwissenstechnisch auf hochglanz gebürstet zu sein, sondern vor allem die schöpferischen Säfte, die uns innewohnen, am fließen zu halten. Eine gute Intuition bedeutet stetiges Training, welchem wir uns jeden Tag aufs neue stellen, um für unsere Kunden ein gutes Bauchgefühl zu haben, wenn sie es brauchen.

Sarah Kvasznicza
Mai 2016

„Intuition ist das wichtigste!“. Glamour Magazin, Mai 2016, S.157f.

http://www.bloomberg.com/news/articles/2007-06-12/pushing-the-boundaries-of-designbusinessweek-business-news-stock-market-and-financial-advice

http://www.wiwo.de/technologie/forschung/glueck-missgeschick-vergesslichkeit-zehn-zufaellige-erfindungen/7042042.html?p=2&a=false&slp=false#image

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wirtschaft/mut-zur-bauchentscheidung-1439198.html