Folge den Trends, dann rennt's

Zu Beginn eines neuen Jahres werden allerorts die Kristallkugeln poliert, um einen möglichst ungetrübten Blick in die Zukunft werfen zu können – Trendforscher, Prognosegurus und auch viele selbsternannte Propheten haben Hochsaison.

Folge den Trends dann rennt's

Von Mega- bis zu Mikrotrends wird ein bunter Blumenstrauß aus Chancen aufgestellt, die auf gar keinen Fall versäumt werden dürfen, möchte man für sich zumindest eine klitzekleine Erfolgsaussicht für das noch jungfräuliche Jahr bewahren.

Das Schöne daran ist, dass es eine derartige Fülle an Trends gibt, dass man sich getrost die eine ganz persönliche Lieblingsprognose herauspicken kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil man die restlichen rund 1.734 anderen links liegen lässt. Im Angebot wären da zum Beispiel die Megatrends, die das Zukunftsinstitut jährlich publiziert. Hier ist vom neuen Lernen die Rede, von der nächsten Stufe der Urbanisierung (die Megacities wachsen weiter – soso!), der Neo-Ökologie (dabei kommt mir vor, dass sich die Ökologie doch bereits 100 Mal neu erfunden hat), von New Work, Female Shift (neue Männer und Frauen finden ihre Lebensbalance ... auch in neuen Beziehungs- und Familienmodellen – aha!) oder auch Gesundheit, Mobilität und natürlich die Silver Society. Zum Glück ist es also durchaus trendy, dass wir alle älter werden und das dann auch noch mit Aktivitäten füllen, weil uns vor lauter Pensionszeit ja sonst sowieso langweilig würde.

Es werden aber nicht nur allgemeine Trends beschrieben, sondern auch solche, die unsere Zunft direkt betreffen. Da wären einmal die zehn Trends für Marketing und Werbung, die sich in Summe allerdings lesen, wie das Kirchenblatt vom vorletzten Jahr: Qualität wird wichtiger, Kreativität auch. Marken bleiben wichtig, Beziehungen und positive Erlebnisse zählen, Systeme und Tools werden günstiger und Mobile wird zum Must. Wer hätte das gedacht!

Oder die PR-Trends 2015: Storytelling vs. Content Marketing wird hier getitelt. Auch in der PR greift die Digitalisierung immer mehr um sich. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ist das nicht eine superspannendüberraschende Neuigkeit? Also, bitte künftig auch Web, Facebook, Twitter und so weiter bedienen.

A propos Digitales: Auch hier wird man schnell fündig – mit sechs Trends, die da wären: Adaptive Content Personalization, Wearables & Smart Clothes, Real Time Marketing, Marketing Automation, Inbound Marketing und Marketing Engineering. So benannt in einem deutschsprachigen Trendbrief. Aber ich finde, es klingt gleich nach viel mehr Trend durch die international language. Wobei tatsächlich ein paar interessante Aspekte beleuchtet werden, die ich allerdings eher der optimierten Funktionalität von Medien oder Tools zuschreiben würde – z. B. wenn Textilien dank digitaler Technik neue Funktionen erhalten. Wir dürfen uns derzeit für die Messe Dornbirn mit solchen Themen beschäftigen.

Auch für unser Kerngeschäft, die B2B-Kommunikation finden sich Trendprognosen. 1. Micro-Targeting – wir müssen mehr und detailreicher über unsere Kunden Bescheid wissen und diese noch gezielter und individueller ansprechen. 2. Bezahlte Inhalte – Budgets müssen künftig verstärkt auch für Artikel in Fachforen, Werbung auf Plattformen und Advertorials reserviert werden. 3. Mobilität und Mobiles – auch für B2B-Marken gilt, was klassische Consumer-Marken längst vormachen: 100% Verfügbarkeit von Information und Interaktion, und das 24/7. 4. Marketing-Automation – CRM, E-Mail-Marketing, SEO und just-in-time-Information geben sich die Hand. 5. Richtig sprechen – die Diversität der Kanäle, die Komplexität der Themen und die Individualität der Ansprechgruppen stellt nicht nur Bildwelten, sondern auch das gesprochene Wort vor neue qualitative Herausforderungen.

Zu guter Letzt noch was aus unser aller Kreativbranchenlieblingsmagazin PAGE. Hier wird dem Food-Hype und seinen Auswirkungen auf Design nachgegangen (alles wird wertiger, stylisher und hipper). Es wird die Farbigkeit und Vielfältigkeit von Typographie behandelt (Schrift selbst wird zum Bild). Menge und Qualität von Fotografie wird kritisch hinterfragt – mit dem Ergebnis, dass auch künftig fotografiert werden wird. Und illustriert. Und inszeniert. Oder es wird der Manufaktur-Look beleuchtet, der gerade im Corporate Design merkliche Spuren hinterlässt und der Gestaltungsqualität neue Höhenflüge ermöglicht.

Tja, wie zu Beginn gesagt: Das Angebot an Trends und Prognosen, was morgen wichtig, richtig und erfolgreich sein wird, ist vielfältig. Was aber nehmen wir für uns mit? Was ist für uns wichtig? Was macht uns erfolgreicher? Wir trauen uns an dieser Stelle keine Aussage zu und sind dankbar für eine Einschätzung von Stefan Wibbe, dem Geschäftsführer Kreation bei Kolle Rebbe, einer der erfolgreichsten deutschen Werbeagenturen, der da meint: „Es gibt heute unglaublich viele Möglichkeiten, für eine Marke zu werben oder sie interessant zu machen. Richtige Trends kann man da gar keine mehr ausmachen. Und das macht es eigentlich spannend.“

In diesem Sinne: Mit oder ohne Trends – Hauptsache es rennt’s.


Andreas Mathis, Jänner 2015