UND ICH WOLLT' IMMER EINE RÖNTGENBRILLE.

Wie geht’s eigentlich der Claudia, fragt sich schon wochenlang unsere Community. Gell, Community, du fragst dich das...? Na also.

Der gläserne User

Claudia geht es soweit gut. Aber ab und an, nicht gerade oft aber immer wieder, stört sie die Durchsichtigkeit, das Gläserne. Dabei ist es weniger die große Glasfassade oder die mangelnden Vorhänge in ihrer Wohnung. Viel mehr ist es das leicht nervige Unbehagen, das sie manchmal befällt, wenn sie durchs Internet flaniert und sich beobachtet fühlt. Es sind ja längst nicht mehr nur Claudias Web-Wanderungen, die kartografiert und vermossen werden.

Nachdem Claudia ihren alten, nicht einstellbaren IKEA-Wecker entsorgt hat, lässt sie sich jetzt mittels Smartphone aufwecken. Mit dem neuen Betriebssystem gibt’s jetzt auch die Schlafenszeit-Funktion, sehr fesch. R.E.M-Seismograph quasi. Damit hat Claudia bereits bevor sie in die Sonne blinzelt, an den ersten paar Touchpoints des Tages angeschlagen. Wie auch ein paar andere der 4,1 Millionen Erwerbstätigen in Österreich, die pünktlich aus den Federn müssen, schließlich nehmen 60 Prozent der Österreicher ihr Smartphone mit ins Bett.

Nach dem ersten Blick auf ihr Smartphone – dem statistisch gesehen an diesem Tag noch rund 87 weitere Blicke folgen werden – schwingt sich Claudia auf ihren Kettler Bike Racer, der sie mittels App zielsicher zur Bikinifigur trainiert und radelt eine halbe Tafel Schokolade herunter, so flink kannst du gar nicht schauen. Außer du bist ein Touchpoint.

Auf dem Weg zur Arbeit schnell zur Tanke – eh schon wissen, liebe Community –  Abstecher zum Spar, Neni Couscous mit Zucchini und Falafel ins Körberl und ruckzuck dank Quickie am Kassaterminal wieder ins Auto. Das dank eigener SIM Karte ununterbrochen mit der Zentrale in Paris parliert und via GPS mithilfe von 30 Satelliten auf Claudia schaut und Alarm schlägt, sobald die Kutsche in den Graben galoppiert. Schutzengel 4.0 quasi. Zum mitzählen: Touchpoint acht, zwölf oder schon vierzehn...? Keine Ahnung, egal. Dann fährt Claudia ein Stück S-Bahn. Die neue etwas gewöhnungsbedürftige aber doch feine ÖBB-App zeigt kaum Verspätung an. 400 andere haben zeitgleich mit Claudia eine derartige Anfrage platziert – knapp 200 Mio im Jahr. Jetzt im Büro: „Guten Morgen Sara, guten Morgen Särah, guten Morgen Nina, guten Morgen alle.“  Rechner startet, lädt neue Updates – Claudia wartet. Sie wartet immer noch. Immer noch.

Durchschnittlich warten alle Claudias jährlich 6,5 Tage vor ihrem Computer. Zeit genug um Mama via WhatsApp einen schönen Tag zu wünschen und online Kinotickets für morgen zu checken. Endlich läuft der Rechner. Zwischendurch kommt ihr netter Chef ums Eck und bittet Claudia, einen Youtube-Link des Mitbewerbers anzusurfen. Chef steht hinter ihr. Eh klar, jetzt muss Google-Display den Schwangerschaftstest von Clearblue einspielen. „Cheeef, ich hab das nicht wegen mir gegoogelt, echt nicht!“ Chef sagt nix, netter Chef.

Am Abend steht ein Abstecher zum Handball Derby auf dem Programm. Dank kombinierter Eintritts- und Gastrokarte flutscht alles, dass es eine Freude ist. Nix mehr anstehen an der Bonkassa. Bier für die Jungs ordern, Karte auflegen, fertig. Auf dem Kassabeleg steht schwarz auf weiß: Claudia säuft sechs Bier. Nicht wortwörtlich aber sinngemäß. Ach Touchpoint, leck mich. 

Ja, es ist gläsern geworden, irgendwie mulmig, zumindest manchmal. Röntgenbrille 2.0 quasi. Als Kind habe ich mir das mit der Röntgenbrille immer anders vorgestellt. Schade irgendwie.

Bernie Weber, November 2016

 

Digitale Vernetzung, Bestseller Fünf/2016 – http://www.bestseller.at/

Digitalisierung und Vernetzung in verschiedenen Lebensbereichen –

http://www.studie-life.de/life-studien/digitales-leben/digitalisierung-und-vernetzung/

Schwangerschaftstest – http://de.clearblue.com/

Die neue ÖBB App – http://www.oebb.at/de/angebote-ermaessigungen/oebb-app