Vom auswandern und heimkehren

Grundsätzlich läuft in Australien alles ein bisschen anders ab. Das fängt damit an, dass man auf der linken Straßenseite fährt und der Monatskalender mit dem Sonntag beginnt …

Arbeiten + Leben in Australien – Kopie

… und hört bei den Türschlössern auf, die sich in die falsche Richtung drehen. Der Lohn wird alle zwei Wochen ausgezahlt und die Miete wird wöchentlich beglichen. Das Finanzjahr beginnt im Juli und endet im Juni. Man hat bei einer 40-Stunden-Woche vier Wochen Urlaub pro Jahr und lange nicht so viele Feiertage wie hier. Zeitausgleich und Gleitzeit sind so gut wie nicht existent, unbezahlte Überstunden an der Tagesordnung. Australien ist auch jenes Land der Welt, das die meisten persönlichen Schulden hat. Nirgendwo anders sind die Menschen so hoch verschuldet. Gleichzeitig wird Australien von der OECD Studie „Better Life Index“ Jahr um Jahr wieder zur lebenswertesten Nation der Welt gekürt.

Mehr Schein als Sein

In Australien muss man entweder ein guter Verkäufer, ein guter Schauspieler oder ein Ass im Smalltalk sein – dann stehen einem alle Türen offen. Werte wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und Authentizität haben keine große Gewichtung. Es ist viel wichtiger, sich gut verkaufen zu können – ob dann tatsächlich etwas dahinter steckt, ist eher nebensächlich. Bewerber werden nicht in erster Linie nach ihren Fähigkeiten ausgesucht, sondern das Motto „hiring for personality“ steht im Vordergrund. Erfahrung ist mehr wert, als eine gute Ausbildung. So haben auch nur ca. 50% aller Australier, die in den Bereichen Grafikdesign, Illustration und Webdesign arbeiten, einen Studienabschluss.

arbeiten in der kreativbranche

Prekäre Arbeitsverhältnisse trifft man in der Kreativbranche leider nur allzu oft an. Dies rührt wohl daher, dass es in Sydney Grafikdesigner wie Sand am Meer gibt und sich viele Auswanderer – mich eingeschlossen – hier niederlassen, um ihr Glück zu versuchen. Faire Behandlung ist eher die Ausnahme, wenn vor der Tür schon 100 andere warten, die gerne deinen Job machen würden. Diese Zahl ist übrigens keine Übertreibung – ich habe mich für Jobs beworben, bei denen es bis zu 120 Bewerber auf eine einzige Stelle gab! Daher wird denjenigen, die Glück haben, oftmals keine Fixanstellung sondern nur ein zeitlich begrenzter Vertrag zu schlechten Konditionen angeboten. Die Höhe des Lohns richtet sich zwar nach der Bezahlung eines Vollzeitangestellten, man hat jedoch weder Urlaubsanspruch, noch bezahlten Krankenstand, noch wird vom Arbeitgeber in die Pensionskasse eingezahlt. Sprich: Man wird wie ein Freelancer behandelt, aber wie ein Angestellter bezahlt.

Digitaldruck

Dem Digitaldruck wird in Australien eine weitaus größere Bedeutung beigemessen, als das hierzulande der Fall ist. Das liegt vor allem daran, dass der Offsetdruck sehr teuer und kaum rentabel ist, außer man hat sehr hohe Auflagen. Schmuckfarben im Druck zu verwenden, ist ebenfalls ziemlich kostspielig. Viele Australier sind der Meinung, dass der Offsetdruck sowieso bald Geschichte sein wird und in naher Zukunft nur noch digital gedruckt wird. Denn schnell muss es gehen und möglichst billig soll es sein. Oft habe ich selbst schon erlebt: Lieber ein günstiger Digitaldruck auf billigem Papier in durchschnittlicher Qualität, dafür aber eine Folienprägung oben drauf. Viele Druckereien bieten neben dem Druck auch noch einen Gestaltungsservice an. Dieser ist normalerweise so spottbillig, dass eine Designagentur hier nur schlecht mithalten kann. Eine weitere Kuriosität: Es wird nach außen hin zwar der komplette Service (z.B. Digitaldruck, Offsetdruck, Druckveredelungen etc.) angeboten, schlussendlich aber alles ausgelagert. D.h. der Onlineauftritt einer Firma vermittelt zwar den Eindruck, dass es sich hierbei um ein gut aufgestelltes Unternehmen handelt, in Wahrheit kann dieses jedoch aus einer einzigen Person bestehen, die in einem kleinen Kämmerchen mit einer Digitaldruckmaschine sitzt.

Social Media ist das A und O

Bleiben wir also gleich beim Thema: Ohne geschicktem Online Marketing und Social Media geht’s nicht in Australien. Ein neuer Firmenauftritt ohne Facebook, Twitter, LinkedIn, Pinterest und Instagram? Ganz undenkbar. Je mehr kleine Buttons desto besser. Sein Portfolio sollte man zusätzlich noch auf The Loop und Behance präsentieren. Recruiter werben direkt über diese Plattformen an und informieren sich auf LinkedIn über den Werdegang einer Person.

Made in China

Durch die Nähe zum größten Handelspartner China werden auch sehr viele Drucksorten im Ausland produziert. Dies trifft vor allem auf Bücher und andere Projekte zu, bei denen nicht alles mit der Maschine allein gefertigt werden kann. Durch den Billiglohn in China ist es preislich wesentlich rentabler, besagte Drucksorten im Ausland produzieren zu lassen. Und oftmals sogar auch schneller. Qualitativ müssen hier natürlich Abstriche gemacht werden. Reklamationen einzubringen und zur Druckabstimmung zu gehen, ist jedenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. 

Ohne Anzahlung läuft nichts

Man muss sich zuerst einmal daran gewöhnen, dass man in Australien ohne Anzahlung sowieso gar nichts bekommt – und das bezieht sich jetzt nicht nur auf die Kreativbranche. Schicke ich z.B. einen Druckauftrag raus, wird die Ware erst dann geliefert, wenn die Rechnung beglichen und eine Zahlungsbestätigung verschickt wurde. Auch als Gestalterin habe ich gelernt, immer 50% Anzahlung zu verlangen, bevor ich mit einem Projekt überhaupt anfange. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass man in Australien leider auch öfter mal übers Ohr gehauen wird. Die Praxis mit der Anzahlung kommt also nicht von ungefähr.


Auch wenn ich die wunderschöne Stadt Sydney, die freundlichen Menschen, die kulinarischen Abenteuer, das Meer und die vielen sonnigen Tage sehr lieb gewonnen habe, gab es doch gute Gründe, wieder in die Heimat zurückzukehren und das waren vor allem berufliche. Trotz dem „reversed culture shock“ fiel es mir relativ leicht, mich wieder in der alt vertrauten Umgebung zurechtzufinden. „It fits like a pair of old slippers“ würde man im Englischen dazu sagen. Neue Schuhe drücken meistens ein wenig. Nach vier Jahren in Australien habe ich meine zwar schon ziemlich gut eingelaufen, trotzdem geht nichts über die bequemen ausgelatschten Schuhe, die zuhause auf einen warten. Nur auf den Meerblick muss ich in Zukunft wohl verzichten.


Nina Fischer
April 2015